Benedikt Wehner – Die Kunst hat mich gerettet

"Die Kunst hat mich gerettet" - Benedikt Wehner

Benedikt Wehner musste durch eine sehr negative Lebensphase gehen, um zur Kunst zurück zu finden

Du hast in deiner Jugend und Kindheit viel gemalt, gezeichnet und auch Graffiti gesprayt, aber irgendwann damit aufgehört, weshalb?

Ich weiss nicht genau, ob man das an einer Sache, an einem Grund festmachen kann. Es war wohl eher so, dass ich immer sehr viel draußen und mit Freunden unterwegs war. Ich habe als Jugendlicher viele Sachen ausprobiert, bin sehr gerne Inlineskates und später Skateboard gefahren. Es gab einfach so viele Dinge die interessant schienen und die ich ausprobieren wollte, da erschien es unsinnig sich auf etwas fest zu legen.
Dann wurde die Musik immer wichtiger für mich und ich habe viel Zeit mit dem Studieren von allen möglichen Alben verbracht. Mit dreizehn Jahren habe ich mir dann zusammen mit meinem großen Bruder die ersten Plattenspieler und einen Mixer gekauft. Nicht viel später kam eine AKAI MPC2000XL und weiteres Equipment dazu und ich habe mich hauptsächlich darauf konzentriert damit zu experimentieren und Beats zu bauen. Zwar hab ich zwischendurch immer getaggt und gekritzelt, aber das war eher nebensächlich. Für den Moment hatte mich die Musik in ihren Bann gezogen…

Warum hast du dann vor kurzem wieder mit dem Malen angefangen?

Um diese Frage zu beantworten muss ich etwas ausholen. Einige Zeit nach einem unbehandeltem Nasenbeinbruch im Dezember 2015 hat sich in meinen Nebenhöhlen ein chronische Entzündung entwickelt, die allerdings erst sehr spät entdeckt wurde und mir dementsprechend zugesetzt hatte. Über Monate hatte ich immer wieder Gehörgangs- Mittelohr- und Mandelentzündungen und mein Immunsystem war nach einiger Zeit völlig am Boden und ich konnte nichts tun, außer schlafen und lesen. Das hat mir psychisch doch ordentlich zugesetzt, da ich so natürlich auch von fast allen sozialen Aktivitäten ausgeschlossen war. Dann bin ich zufällig über einen Blog für urban sketching gestolpert und fand ziemlich cool was die Leute da so machen. Kurz darauf habe ich mir ein paar Stifte, einen kleinen Block und einen Mini-Aquarellkasten besorgt und hab es selber probiert und war sofort wieder angefixt. Von da an hat eins das andere ergeben und ich hab bald nicht viel anderes gemacht als Malen und es erschien mir seltsam selbstverständlich, dass es so ist.

“Ich habe für mich gemalt, weil es mir gut getan hat”

Wie sehr hat dir die Kunst geholfen wieder gesund zu werden?

Mhm, das ist eine Frage, die ich natürlich nur sehr subjektiv beantworten kann. Ob sie mir geholfen hat, körperlich gesund zu werden, weiß ich nicht.
Geistig hat sie mir auf jeden Fall das Leben gerettet, weil ich während und nach dieser, für mich wirklich schlimmen Phase in meinem Leben große Probleme mit meiner Situation hatte.
Mit Ende zwanzig körperlich so durch zu sein, ist ein ziemlich beschissenes Gefühl. Immerhin sind von dem Bruch, bis zur kompletten Erholung nach der OP fast zwei Jahre vergangen, in denen ich sehr eingeschränkt war.
Das schlägt einem auf die Psyche und da kann einem auch keiner wirklich helfen, das zu ändern, das muss aus dir selber kommen. Und genau dass hat das Malen bei mir gemacht. Ich weiß nicht wieso, aber es hat mich beruhigt und mir ein gutes Gefühl gegeben. Ich habe die sehr belastende Angewohnheit sehr viel nachzudenken und das macht das Leben ziemlich anstrengend. Beim malen stellt sich das komplett ab. Und mit jedem Bild, was ich gemalt hab, ging es mir etwas besser. Zu Anfang habe ich die Sachen,die ich gemalt habe auch niemandem gezeigt. Ich habe das für mich gemacht, weil es mir gut getan hat. Erst später habe ich ein paar Leuten und dann bald meinen Freunden auf Facebook gezeigt,was ich so mache. Das Feedback war durchweg positiv und das hat mir natürlich auch nochmal einen guten Schub Positivist verpasst. Verrückter weise scheint es mir heute so, als hätte ich erstmal durch diese wirklich negative Phase gehen müssen, um zur Kunst zurück zu finden,ein paar Dinge zu verstehen und auf einen Weg zu finden, der Positivität in mir erzeugt und sich richtig anfühlt.
Klingt seltsam, aber jeder der das Buch “Der Alchimist” gelesen hat, dürfte ungefähr verstehen was ich meine.

Wie gehst du vor, wenn du ein Bild malst? Ist da erst eine optische Idee, oder eher ein Gefühl ein Gedanke, den du auf die Leinwand bringen willst?

Ob ich eine Idee im Kopf habe, oder nicht ist von mal zu mal unterschiedlich.
Was immer gleich ist, ist die Vorgehensweise, wie ich das Malen beginne:
Ich stehe früh auf, trinke ein Glas Wasser, koche Wasser und mach mir in meiner French-Press einen Kaffee. Dann setzt ich die Kopfhörer auf und höre erstmal Musik und trinke in Ruhe eine Tasse Kaffee. Währenddessen bereite ich das Papier, oder die Leinwand vor. Manchmal Sketche ich auch erstmal etwas rum, um wach zu werden.
Dann kommt es drauf an, ob ich schon eine Idee, oder eine Skitze habe an der ich mich orientiere, oder ob ich frei male. Wenn ich frei male, wähle ich Farben aus und der Rest entsteht – wie soll ich sagen – aus der Energie zwischen mir, dem Pinsel und der Leinwand. Auch Bewegungsenergie spielt da eine Rolle und essentiell wichtig ist auch Musik. Oft bestimmt die Musik die Bewegungsgeschwindigkeit und das Gemüt des Bildes . Im Zusammenspiel mit der Musik ist das fast wie Meditation, oder ein leichter Rausch, du lässt dich 100% darauf ein. Das sind Sachen die sehr schwer zu erklären sind und ich bin mir im Klaren darüber, dass das auf einige Menschen seltsam klingt, aber so ist das halt…it´s all about the vibe!

“Ich habe die sehr belastende Angewohnheit sehr viel nachzudenken und das macht das Leben ziemlich anstrengend. Beim Malen stellt sich das komplett ab.”

Inwiefern beeinflussen deine Anfänge in der Street-Art noch heute deine Bilder?

Also zuerst mal hatte ich mit dem was heute Street-Art genannt wird nie etwas zu tun! Ich war sehr interessiert an Graffiti, habe viel gemalt und ein paar wenige Male auch gesprüht, war aber nie so der Adrenalien-Typ. Das war mir zu stressig. Ansonsten verfolge ich immer noch die Graffiti-Szene. Außerdem sind einige meiner größten Einflüsse und somit für mich wichtigsten Künstler wie Kaws, Fafi, DabsMyla, David Flores und Retna Leute,die aus dem illegalen Graffiti stammen und zu fine art Künstlern geworden sind. Deshalb würde ich sagen, dass mich Graffiti auch heute noch sehr beeinflusst, auch wenn es nicht das ist, was ich selber mache.

Was begeistert dich an der Acrylmalerei?

Vielleicht das sie sich gut verarbeiten lassen und die Farben sehr intensiv sind, aber relativ schnell trocknen und ich so einigermaßen zügig weiterarbeiten kann?! Ich bin recht ungeduldig und wenn ich im Fluss bin, will ich nicht ewig warten, bis ich weiter arbeiten kann,da es sonst passieren kann, das ich die Idee verliere, oder nicht mehr richtig daran anknüpfen kann.
Allerdings nutze ich auch andere Techniken, die mir ebenfalls Spass machen. Nur passt Acryl halt bisher am besten zu meiner Arbeitsweise. Zwischendurch ist es aber auch erfrischend, mal Aquarell oder den Bleistift zu nutzen.

Du hast vor kurzem dein erstes Bild verkauft. Wie hat sich das angefühlt?

Das war ein seltsamer Moment. Vor allem habe ich mich natürlich gefreut und war etwas stolz, aber ich war auch ziemlich verwundert, das jemand bereit ist Geld für etwas zu zahlen, was ich gemacht habe.
Ziemlich irreal, wenn man bedenkt, dass ich zwei Monate vorher das erste mal einen Pinsel in Acryl-Farbe getunkt hatte und plötzlich kauft ein fremder Mensch via facebook eins meiner Bilder.
Und das ging ja mehr oder weniger über das ganze Jahr 2017 so weiter. Voll gut, würde ich sagen! Gab mir ein gutes Gefühl und hat mir auch gut Mut gemacht, eine eigene Künstler-Seite auf Facebook und Instagram zu erstellen. Denn man darf nicht vergessen, dass es gut Überwindung kostet, das was man schafft, wo man viel Zeit und Arbeit reinsteckt, völlig Fremden zu präsentieren! Da öffnet man schon etwas seine Seele und das kann auch eklig enden. Aber bisher habe ich nur Liebe von Leuten bekommen. Zum Glück,denn wie sagt Tech N9ne so passend: Understand this: I’m an artist, and I’m sensitive about my shit ;)

Was sind deine Pläne für die Zukunft? Willst du nur noch als Künstler arbeiten, oder auch deine vorherige Tätigkeit als Koch oder Audio Engineer wieder aufnehmen?

Das ist eine Frage, die ich mir jeden Tag auf´s neue zu beantworten versuche. Natürlich wäre es ein Traum, von der Kunst leben zu können und das würde meine Lebensqualität sicher deutlich verbessern, aber das ist wohl nicht so leicht.
Ich habe auch noch keinen wirklichen Plan davon, wie die Kunstwelt so funktioniert und kann mir noch kein realistisches Bild davon machen, wie machbar es ist, ein Leben davon zu finanzieren. Zur Zeit fahre ich einen guten Kompromiss, mit einem Job in dem ich für relativ wenig Arbeit, relativ gut verdiene, mir so keine Sorgen um Essen und Miete machen muss und genug Zeit und Geld für die Kunst, egal ob malen, Musik machen, Museen besuchen, oder Bildbände kaufen habe. Auch wenn der Job an sich schrecklich ist, ermöglicht er es mir mein Leben so zu führen, dass ich produktiv und kreativ sein kann. Wenn sich die Umstände so verändern, dass ich meinen Lebensunterhalt nur mit Kunst, oder mit etwas was das mit Kunst zu tun hat erarbeiten kann, werde ich diese Möglichkeit sofort nutzten und wäre sicher sehr glücklich damit. Bis dahin denke ich, ist es ganz gut, dass ich nicht darauf angewiesen bin zu verkaufen und einfach weiter das machen kann, was sich für mich richtig anfühlt.
Einen wichtigen Schritt in diese Richtung habe ich im vergangen Dezember ja schon gemacht, als ich bei den nicen Jungs im “Woanders” in der Lichtstr. in Ehrenfeld einen kleinen Slot bei der Ausstellung “Kunst Expandiert” hatte.
Am 03.03.2018 findet der zweite Teil der Veranstaltung statt, bei der ich wieder mit von der Partie und auch selber da bin!

Benedikt Wehner
Benedikt Wehner ist am 11.01.1987 in Köln geboren,in Erfstadt aufgewachsen und lebt seit dem Jahr 2010 in Köln-Ehrenfeld.
Facebook:  https://www.facebook.com/goodboybubu/
Instagram: https://www.instagram.com/b.wehner/
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Benedikt Wehner
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